Mein erster Fallschirmsprung
 
Es war eine laue Sommernacht. Ich saß im Aufenthaltsraum der Schlosserei der Schott Werke Mainz. Ich hatte mich freiwillig zur Nachtschichtbereitschaft gemeldet, da ich zu dieser Zeit sowieso nachts kein Auge zu bekam. Die Pressen dröhnten draußen in der Halle, wo die Fernsehbildschirme aus glühendem flüssigem Glas gepresst wurden. Meine Gedanken hingen bei meiner Freundin, die gerade ein paar Tage zuvor mit mir Schluss gemacht hatte. Um auf andere Gedanken zu kommen nahm ich mir eine Illustrierte und blätterte darin und sah mir die bunten Bilder an. Dabei stieß ich auf einen Artikel über eine private Fallschirmsprungschule in Kassel.
Ich las den Text dazu und erfuhr dass man in Deutschland privat das Fallschirmspringen erlernen konnte. Ich erinnerte mich an meine Kindheit und Jugend in der ich in einer Jugendgruppe Segelflugmodelle baute und fast jedes Wochenende auf einem nahegelegenen Sportflugplatz verbrachte und somit schon früh Kontakt zur Fliegerei hatte. Der Leiter dieser Gruppe startete dort an den Wochenenden mit echten großen Segelflugzeugen. Er bot mir immer an mich mal mitzunehmen, aber meine Eltern hatten es mir immer wieder verboten. Als ich 15 Jahre alt war und alleine dort war ließ ich mich dann von ihm überreden und erhob mich das Erste mal In meinem Leben in die Luft. Seitdem war es mein Wunsch zu fliegen.
In dem Artikel stand eine Telefonnummer, die ich mir aufschrieb.
Am nächsten Morgen rief ich direkt dort an und erkundigte mich danach. Ich erfuhr dass ich dafür eine Untersuchung bei einem Fliegerarzt brauchte und ein Einwöchiger Kurs 990 DM inklusive 10 Sprünge kostete. Das war gerade soviel Geld wie ich es mir für einen Urlaub mit meiner Exfreundin zurückgelegt hatte. Ich erkundigte mich nach einem Fliegerarzt und ließ mich untersuchen. Als ich das OK von ihm hatte meldete ich mich zum nächstmöglichem Kurstermin an. Das war gleich das nächste Wochenende. Die Kurse waren damals vor 20 Jahren noch nicht so ausgebucht wie heute.
Ich setzte mich also samstags morgens, Urlaub hatte ich ja schon Wochen vorher eingereicht, weil ich ja mit meiner Verflossenen eigentlich nach Tunesien fliegen wollte, in meinen alten Opel Ascona und fuhr die 250 km von meinem Heimatort nach Kassel – Calden. Das war ein kleiner Sportflugplatz, der aber im Gegensatz zu unserem schon über eine asphaltierte Landebahn verfügte.
Die Schule selbst war leicht zu finden obwohl sie nur aus einer kleinen Holzhütte, in der sich ein kleines Büro, eine Theke und ein kleiner Schulungsraum mit etwa 20 Plätzen, befand.
Ich sah nämlich als ich dort ankam das erste Mal in meinem Leben echte Fallschirmspringer, die dort vor der Hütte landeten.
Mit gemischten Gefühlen trat ich dann dort ein und meldete mich an, Diese Leute waren etwas skurril aber sehr nett und ich verstand mich mit Ihnen sofort.
Auf meine erste Frage, nämlich wie oft da einer runterfällt, antworteten sie lachend, überhaupt nicht.
Im Laufe des Vormittags trafen dann noch weitere 10 Kursteilnehmer ein, darunter auch einige junge Mädchen. Nachdem die Sache mit unserer Unterkunft, ein Matratzenlager auf dem Dachboden eines nahegelegen Bauernhofs, geklärt war, trafen wir uns erst mal im Schulungsraum. Dort stellte sich Willem vor ein erfahrener Springer, der schon mehrere tausend Sprünge absolviert hatte als unser Sprunglehrer vor. Wir machten dann als erstes eine Flugplatzbegehung, wo er uns das Schulungszentrum zeigte und schon mal erklärte. Wo wir landen und wo wir besser nicht landen sollten. Danach erfolgten 2 Schulstunden in denen uns die nötige Theorie beigebracht wurde. Am Nachmittag durften wir dann erstmals unsere Systeme anprobieren und wurden noch auf der Absprungattrappe geschult wie wir das Flugzeug verlassen sollten. Der zweite Tag verlief ähnlich nur das uns abends dann mitgeteilt wurde, das wenn das Wetter mitspielen würde, wir Montags morgens das erste Mal springen würden. Also, schon nach 2 Tagen Schulung. Und zwar alleine.
Am nächsten Morgen stand dann auch schon die Cessna Caravan auf dem Flugfeld für uns bereit. Eine Maschine mit einem 2500 PS starken Turbopropantrieb.
Wir legten also unsere Gurtzeuge, so nennt man im Fachjargon die Fallschirme, an und stiegen in die Maschine ein und zwar auf dem Boden hockend wie die Ölsardinen ineinander geschachtelt. Auf meine frage warum die Maschine keine Tür hatte, bekam ich die Antwort, dass wir ja nur „flache“ Anflüge machen würden da wäre es noch nicht so kalt. Geplant waren nämlich Automatenabsprünge aus einer Höhe von 1200 Metern. Zum Vergleich die Bundeswehr springt aus einer Höhe von 150 – 200 m.
Dann startete die Maschine und die anfängliche Euphorie änderte sich bei allen in ängstliche Blicke. Jeder hockte da und betrachtete seinen Höhenmesser der langsam höher stieg bis dann die Maschine bei 1200 m das Gas zurücknahm und Willem der direkt an der Tür kniete uns aufgeregt mit einer Hand herbeiwinkte, während er sich mit einem direkten Blick nach unten versicherte dass wir direkt über dem Flugplatz waren. Der Erste rutschte auf seinem Po zur Tür und hing die Beine hinaus und verschwand kurz danach. Dann war ich an der Reihe. Mein Herz begann zu rasen aber ich schaffte es bis zur Tür und hing die Beine hinaus, die sofort vom Fahrtwind nach hinten gedrückt wurden. Ich wollte nach unten sehen, aber Willem befahl Kopf in den Nacken. Wie ich es gelernt hatte setzte ich mich in Position und dann spürte ich auch schon Willems Hand auf meiner Schulter und vernahm das Wort „Go“. Seltsamerweise drückte ich mich ohne zu zögern mit beiden Händen nach vorne und dann war ich auch schon weg. An was ich damals in diesem Moment gedacht hatte weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nur ich hatte einen Blackout der aber nur kurz war. Denn dann verspürte ich einen gewaltigen Ruck und als ich nach oben sah, war der Schirm schon offen. Ich holte sofort die beiden Steuerschlaufen herunter, die mit Klettband an den oberen Tragegurten befestigt waren und sah dann das erste mal nach unten und erschrak direkt, denn ich glaubte nicht dass ich nach meinem Höhenmesser der im selbem Blickwinkel vor meiner Brust hing immer noch 1000 Meter hoch war. Das Lenken mit den Steuerleinen war schnell gelernt und nach etwa 5 Minuten stellte ich mich gegen den Wind, und setzte zur Landung an und schon stand ich auf meinen Füßen und die Erde hatte mich wieder. Und ich hatte ein neues Hobby das mir in den folgenden Jahren, bis zum Ausbruch meiner Parkinsonkrankheit viel Spaß und Freude bescherte. Ich sprang dann später noch 147 mal zuletzt als Lizenzspringer mit 3000 m freien Fall aus einer Höhe von bis zu 4300 Metern. Das war das Schönste was ich jemals in meinem Leben erleben durfte. So möchte ich sterben.